Wer sind wir?
Ich bin Michael aus Wien. Mein erstes Lebensdrittel verbrachte ich in familiärer Geborgenheit mit viel Lernen bis zum Mag. und MBA. Im zweiten Lebensdrittel kam die eigene Familie dazu mit 4 prächtigen Kindern und spannenden Berufsjahren in Finanz, Verwaltung und Logistik in Großkonzernen. Jetzt, mit 62 beginnt mein dritter Lebensabschnitt in der Pension. Nicht “more of the same”, sondern mit meiner neuen Partnerin um die Welt segeln… ist zunächst mal der Plan. Aber Pläne von Seglern werden bekanntermaßen bei Ebbe in den Sand geschrieben…..

Ich bin Claudia, auch aus Wien. Ich habe zwei Kinder und arbeite seit 17 Jahren sehr intensiv als leitende systemische Familientherapeutin in einem Wiener Institut für Essstörungen. Nebenbei bin ich Aromaberaterin.
Mit 52 habe ich mir eine Auszeit verdient!
Warum diese Reise?
Ich trete nun in einen neuen Lebensabschnitt, in eine neue Lebensphase. Was wird mein restliches Leben nach der offiziellen Arbeitszeit bringen? Mit Beginn der Coronapandemie bin ich aus dem aktiven Arbeitsleben ausgestiegen. Noch einige Kurse wie Social Media Manager, Kurzwellenamateurfunk und Sternennavigation im Fahrtenbereich 4-Kurs, aber im Grunde Aufräumen in meinem Privatleben in Wien und das Vorbereiten meiner lang ersehnten Reise – meines Lebenstraums, meiner lebenslangen Sehnsucht. So viele Bücher, Homepages und Videos von Segelreisenden habe ich gelesen und gesehen. Quintessenz aller ist: Du wirst mit der Vorbereitung nicht fertig sein, die Abfahrt wird vermutlich ein Chaos sein. Aber das einzig Wichtige ist, dass du überhaupt losfährst, je früher desto besser, denn dein Alter läuft dir zuwider. Später, einmal auf der Reise, erledigt sich dann alles irgendwie. Ich nehme mir für diese Reisevorbereitung trotzdem viel Zeit. Die allgegenwärtige Pandemie erleichtert meine Entscheidung dafür. Viel lese ich über auf der Reise gestrandete mit schrecklichen Erlebnissen und meist mit Reiseabbruch oder zumindest Unterbrechung. Heuer will ich jedenfalls das Schiff im Sommer segelnd in der Adria kennenlernen und im Herbst bis zum nächsten Frühling auf die Langfahrt adaptieren. Das heißt, ich werde so Dinge wie einen Wassermacher, mehr Solarflächen, einen Windgenerator, Kurzwellenfunk, eine Windsteueranlage und mehr Reservebesegelung möglichst gebraucht auftreiben und installieren. Ich werde ein AIS-System installieren, ein Transpondersystem um andere Schiffe neben dem Radar rechtzeitig zu erkennen. Das wird viel Zeit in Anspruch nehmen, zumal das Schiff ja in Italien liegt.
Zurück, was strebe ich (noch) an, wohin will ich mit fast 60? Was suche ich? Was ist meine wahre Sehnsucht und warum? Welche Begegnungen strebe ich an? Die Pläne eines Seglers werden bei Ebbe in den Sand geschrieben, so sagt man. Oder ist es mein Aufbruch in diese Ungewissheit, das Abenteuer, das mich reizt? Jeder Mensch braucht eine Aufgabe. Ist Reisen meine weitere Aufgabe? Reisen, das kann ich sehr gut und hat mich in meinem Leben sehr erfüllt. Also einfach nur mehr davon wie eine Droge, oder die Reise schlechthin? Mein ersehnter Lebenstraum, mit dem ich so viel verbinde? Viele Fragen bewegen mich. Zunächst gehe ich jetzt mal
In Pension?
Als Pensionist sollte man finanziell abgesichert sein, weil es keine Einnahmen aus Arbeitseinkommen mehr gibt:
Für die 1. Pensionssäule (staatliche Pension) bin ich noch zu jung, obwohl ich über 40 Jahre in dieses staatliche Versicherungssystem fast immer Höchstbeiträge eingezahlt habe. Ich werde die nächsten Jahre nichts einzahlen, aber auch nichts erhalten.
Die 2.Pensionssäule, die Firmenpension erhalte ich nicht. Ich habe sie mir wie auch alle Abfertigungen stets auszahlen lassen und damit unter anderem mein Schiff Ataraxis finanziert.
Die 3. Pensionssäule ist die Eigenvorsorge. Dazu dienen die Mietwohnungen. Hoffentlich klappt das während der Reise.
Ich mag ja finanziell abgesichert sein. Aber wie steht es mit anderen mir wichtigen Werten?
Freude und Dankbarkeit, Vertrauen und Zuversicht.
Die geistig spirituelle Altersvorsorge ist die 4. Pensionssäule. (Das Konzept stammt übrigens nicht von mir). Es geht um die helle Seite der Spiritualität, eine tiefe, reife Spiritualität, die mich im Alter trägt. Dazu gehören für mich Freude und Dankbarkeit, Vertrauen und Zuversicht. Diese vier sind Tugenden, die Jesus wahrhaftig vorgelebt hat und die letztlich in Liebe münden. Ich hoffe, er wird mich auf und in meiner Reise dorthin begleiten. Auch mit Meditation und Yoga möchte ich mich beschäftigen. Ob ich wohl Zeit für ein Instrument finden werde?
Ataraxis?
Für einen Menschen wie mich, der sich über vieles aufregen kann, wird diese Reise sicher eine sehr spannende Auseinandersetzung mit meinem Sein und meinem inneren Weg. Ich habe noch so viel zu lernen. Ich freue mich sehr darauf!
Familie und Freunde?
Serendipität!

Ausrüstung und Sicherheit?
Was die Sicherheit anbelangt, steht diese bei mir sehr hoch angeschrieben. Meine Sunbeam-40 wurde 1993 supersicher gebaut, wie es heute unbezahlbar wäre und für den Fahrtenbereich 4 entwickelt und ausgerüstet. Es ist dies die höchste Stufe. Das Schiff hat ein Mittelcockpit. Das heißt, dass ich mittschiffs steuere und dadurch weniger den Wellen ausgesetzt bin als bei einem Steuerstand ganz hinten. Mein Schiff ist komplett als Einhandsegler konzipiert. Selbst den Anker bediene ich vom Steuerstand aus. Das Vorsegel ist eine große Genua, die sich vom Steuerstand mittschiffs über eine Elektrowinchkurbel jederzeit reffen (kleiner werden) lässt. Das Großsegel wird mittels Elektrowinch oder per Handkurbel direkt in den Mast eingerollt, je nachdem wieviel Segelfläche gerade benötigt wird. Nie muss ich vor zum Mast bei Sturm. Weil die elektrische Steuerung theoretisch ausfallen könnte, werde ich eine Windfahnensteueranlage installieren, die das Schiff nur durch den Wind mechanisch steuert. Und es gibt eine Notpinne. Strom kommt von der Motorlichtmaschine, Solar und Windgenerator. Überhaupt gibt es fast alle Systeme redundant, auch ein Notstromaggregat habe ich, ein Sattelitentelefon und einen Sattelitentracker, mit dem ich weltweit SMS absetzten kann. Wenn mein drittes, viertes, fünftes GPS ausfällt, dann habe ich noch mein sechstes und siebentes mit, ehrlich! Ich führe Seekarten auf einem Plotter und ein zweites System parallel auf meinem Toughnotebook und natürlich Papierseekarten. Ich habe UKW und Kurzwellenfunk. Ich habe einen Wassermacher, aber ich führe stets volle Süßwassertanks mit. Meine Reserveessensvorräte würden mich (Hauptsächlich Reis) auch viele Monate nicht verhungern lassen. Werkzeug sollte man nur solches mitführen, welches man gut bedienen kann: Ich habe sehr viel Werkzeug und viele Ersatzteile mit. Aber meist braucht man genau etwas, was man nicht mithat. Dafür gibt es wieder die Segelcommunity, die sich in der Not sehr erfinderisch untereinander bereitwillig hilft. Und auch darauf freue ich mich.
Wie lange fährst du weg?
Die Planungen von Seglern werden bei Ebbe in den Sand geschrieben, ist meine stereotypische Antwort auf diese Frage. Die reine Segelzeit, einmal um die Erde entlang der Passatroute (Äquator über Panamakanal und Suezkanal) dauert ein Jahr. Für Warten auf versandte Ersatzteile und Reparaturen rechnet man ein halbes Jahr – je nach dem… mein Schiff ist 30 Jahre alt. Dazu kommt, dass man sich einiges ansehen will. Eindeutig die allermeiste Zeit verbringt man daher nicht segelnd, sondern am ankernden Schiff. Das ist auch der Grund, weshalb immer mehr Leute auf größere Schiffe und auf Katamarane zurückgreifen. Australien und Neuseeland würde ich mir während der Hurrikan Saison gerne ansehen. Und dann gibt es noch den halbjährigen Heimurlaub, den ich zum Beispiel nach dem ersten Segeljahr einplane. Und noch etwas war da: Eigentlich will ich ja nicht nur wohin fahren und gleich wieder abfahren, sondern dort etwas ansehen und erleben. Wenn mir ein einsamer Strand gefällt, warum nicht dort länger bleiben und tauchen etc.? Vielleicht überlege ich in Indonesien wegen der Piraten in Eritrea nicht über den Suezkanal, sondern über das Horn von Afrika zu segeln: sofort plus ein Jahr.
Also fünf Jahre sind realistisch, aber auch 3-10 möglich, inshallah.
Langeweile?
Wird dir manchmal langweilig sein, werde ich gefragt. Nun, in meinem E-Bookreader und auch im Festplattenbackup habe ich 4.000 Bücher mit. Üblicherweise tauschen Segler Bücher untereinander aus. Reparaturen am Schiff und Vorbereitungen zur nächsten Etappe nehmen auch viel Zeit ein. Natürlich können bürokratische Hürden oder das Warten auf einen versendeten Ersatzteil an einem unschönen Ort viel Geduld abverlangen. Aber gehört das nicht zu Ataraxis dazu? Zu lernen, Ereignisse des Schicksals gelassen und ruhig akzeptieren zu können, das Leben so zu nehmen, wie es kommt?

